Die Heimschule unter Willy Trott, Einweisungspraxis & Umbau der Burg

Die Heimschule unter Willy Trott

Zweiter Heimleiter wurde am 1. Februar 1948 Willy Trott. Er gehörte zu einem Kreis von Reformpädagoginnen, die an der Universität in Jena bei Peter Petersen Pädagogik studiert haben. Dieses Konzept ist nach dem Hochschulort Jena, als Jena-Plan benannt worden. Häufig fanden auf der Burg Tagungen, Hospitationen und Fortbildungen für Lehrerinnen statt, um dieses neue Schulkonzept bekannt zu machen. Willy Trott war auch mehrfach Referent auf internationalen Tagungen, um den Jena-Plan bekannt zu machen.

Einweisungspraxis in das Heim

Ab 1949 waren keine neuen Flüchtlingswaisen mehr im Landkreis Helmstedt angekommen und so wandelte sich die Heimschule zu einer Einrichtung für Kinder aus benachteiligten Familien.

In den 60er Jahren wurden überwiegend Kinder im Rahmen des Jugendwohlfahrtgesetzes in das Heim eingewiesen. Im Laufe der 70er Jahre ist es zu einer Verschiebung der rechtlichen Einweisungsgründe gekommen. Es gab zwei Gründe für Heimeinweisungen durch das Jugendamt: Erstens die freiwillige Erziehungshilfe. Sie lag vor, wenn eine Gefährdung oder Schädigung der leiblichen, geistigen und seelischen Entwicklung festgestellt wurde. Und zweitens die Führsorgeerziehung. Sie war gegeben, wenn die Verwahrlosung eines Kindes in der Familie drohte.

Umbau der Burg 1955-1959

1955 wurde die Burg Neuhaus nach 8jähriger Pachtzeit von der Landwirtschaftskammer Hannover an den Landkreis Helmstedt verkauft, so dass es nun möglich war, die Innenräume zu renovieren und zu erweitern. Damals prognostizierte Willy Trott: „Da die Heimschule Burg Neuhaus das einzige kreiseigene Erziehungsheim des Landkreises Helmstedt ist, wird es immer mit 70 Plätzen voll belegt sein.“  Mit der Planung wurde der Architekt und Braunschweiger Baudirektor Dr. Kurt Piepenschneider (*1901 + 1956) beauftragt.

In der Burg wurden vier in sich abgeschlossene helle, freundliche Familien-Wohnbereiche gebaut. Möglich wurde dies durch einen vorgezogenen Säulengang, mit dem eine Verbreiterung des oberen Stockwerkes erfolgte. Nun konnten 4 Gruppen mit bis zu 15 Kindern und einer Familienmutter nach dem Vorbild der SOS-Kinderdörfer hier zusammenleben. Im Heim erhöhte sich die Anzahl der zu beschulenden Kinder und der Raumbedarf stieg, wollte man die Reformpädagogik Petersens im Unterricht vollständig umsetzen. Deshalb plante und baute man parallel zur Heimerweiterung eine Schule, die noch vor dem Umbau der Burg abgeschlossen war.

Eine gemeinsame Schule für Heim und Dorf 1956/57

Die Grundsteinlegung der Volksschule erfolgte am 27. September 1956. Der Landkreis Helmstedt und die Gemeinde Neuhaus schlossen sich zu einem Zweckverband zusammen. Sie planten und bauten im Burgpark eine achtklassige Volksschule für Heim- und Dorfkinder. Heimleiter Willy Trott und Irmgard Löding (geb. Stapp) beide Jena-Plan-Pädagogen konnten mit dem Vorsfelder Architekten Rolf Nolting (*1926 + 1995) viele Forderungen, wie sie Peter Petersen in „Der kleine Jena-Plan“ skizziert hat, einbringen. Klassen- und Gruppenräume, sowie ein Fachraum für Physik, Chemie, Werken, Musikunterricht und Textiles Gestalten wurden eingerichtet. Die Eingangshalle wurde so großzügig gebaut, dass der „Morgenkreis“ hier abgehalten werden konnte. Große Fensterflächen sorgen für Licht und Luft, sowie für Beobachtungsmöglichkeiten der Natur. Die Bauarbeiten wurden sogar in einem selbstgestalteten Buch durch die Heimkinder unter der Anleitung von Frau Löding dokumentiert.

Die Vorderseite des selbstgestalteten Buchs anlässlich der neuen Schule.

Blättern Sie durch das mit großem Aufwand gestaltete Buch der Heimkinder:

Das von den Kindern gestaltete Buch „Chronik der Schule Neuhaus“ ist Eigentum des Archivs des Freundeskreises der Burg Neuhaus e.V. Der Download ist ausschließlich zum Lesen freigegeben, jede Vervielfältigung des PDFs/Buchs ist untersagt.

Bereits am 25. Mai 1957 begann der Unterricht in den neuen Klassenräumen. Doch mitten in der Bauphase verließ Willy Trott die Einrichtung zusammen mit seiner Frau Theresia, die als Wirtschaftsleiterin im Heim tätig war. Das Aushängeschild für die Jena-Plan-Pädagogik verließ Neuhaus.