Der Jena – Plan und seine Umsetzung in der Heimschule

Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, suchten Reformpädagogen nach neuen Wegen in der Schulpolitik.
Nach der Gleichschaltung und Indoktrination aller Erziehungseinrichtungen während der Nationalsozialistischen Diktatur gab es eine elementare Frage:

„Wie soll die Erziehungswissenschaft beschaffen sein, in der und durch die ein Mensch seine Individualität zur Persönlichkeit voll-enden kann?“ 1)

Eine praktische Antwort fand man im sog. Jena – Plan, ein Schulentwicklungskonzept, das schon 1927 von dem Pädagogen Prof. Dr. Peter Petersen erarbeitet wurde.

Zur Kurzbiographie von Prof. Dr. Peter Petersen >

Das Konzept entstand an der Universität Jena (daher der Name), an der er 1923 den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften übernommen hatte. Für ihn bedeutete „der Jena – Plan …eine Ausgangsform für neues Schulleben.“ 2)

Kerngedanken dieses Reformpädagogischen Ansatzes waren

* selbstständiges Arbeiten

* gemeinschaftliches Zusammenarbeiten und Zusammenleben

* Mitverantwortung der Schüler*innen

Das hatte, verglichen mit herkömmlichen Erziehungsmodellen, erhebliche Auswirkungen auf das Schullebens. Es revolutionierte quasi den Schulalltag.

Einführung des Jena-Plans auf Burg Neuhaus

In der Heimschule Burg Neuhaus wurde kurz nach der Gründung dieses neue Schulentwicklungskonzept eingeführt und fand schon bald überregionale Beachtung. Ein Schüler Peter Petersens, Willy Trott, seit 1948 Heimschulleiter auf Burg Neuhaus, war zusam-men mit seiner Kollegin Frau Irmgard Stapp (verh. Löding) Motor dieser Entwicklung. Er machte Neuhaus zum Mekka der Reform-pädagogen, Professoren und Studenten, wie unsere Archivalien belegen. Hospitationen und Symposien fanden regen Zulauf auf der Burg. Selbst der „Altmeister“ Petersen weilte mehrere Tage im Oktober 1950 in Neuhaus und zollte dem Heimleiter und seinen Mitstreitern hohen Respekt, Anerkennung und Dank- barkeit: „Ihr habt´s gewagt!“

Zum Gästebucheintrag von Peter Petersen >

So ist es überaus verständlich, dass der Tod Petersen schon zwei Jahre später eine große Trauer unter seinen Gefolgsleuten auslöste.

Zum Gästebucheintrag über die Trauer um Peter Petersen >

Für die Flüchtlings- und Waisenkinder, die heimatlos und traumatisiert auf der Burg Neuhaus ein neues Zuhause fanden, hatte dieses neue Schulkonzept, das gemeinschaftliches Zusammenleben und Gruppenarbeit förderte, geradezu therapeutische Wirkung.

Hier wurde konsequent ein wichtiges Basisprinzip des Jena-Plan-Konzeptes umgesetzt:

„Jeder Mensch hat ungeachtet seiner ethnischen Herkunft, seiner Nationalität, seines Geschlechtes, seines sozialen Umfeldes, seiner Religion, seiner Lebensanschauung oder seiner Behinderung das Recht, eine eigene Identität zu entwickeln, die durch ein größtmögliches Maß an Selbständigkeit, kritischem Bewusstsein und sozialer Gerechtigkeit gekennzeichnet ist.“ 3)

Umgestaltung des Schullebens

Die grundlegende Einheit ist nicht mehr die Jahrgangsklasse, sondern die „Stammgruppe“, die jahrgangsübergreifend zusammen- gefasst wird. So wird zum Beispiel das Helfersystem unter den Schüler*innen gestärkt. Sie arbeiten nach einem „Wochenarbeitsplan“ statt des üblichen 45-Minuten-Rasters, das Petersen als „Fetzenplan“ 4) bezeichnet. Statt Zensuren gibt es Arbeits- und Leistungsberichte mit klaren Bewertungsmaßstäben.  Das „demütigende Sitzenbleiben5) findet in diesem Schulkonzept keine Anwendung.

Montagskreis im Rittersaal

Aber schon äußerlich erhielt der neue Stundenplan der Neuhäuser Heimschule eine andere Struktur, indem die Schulwoche an jedem Montag mit einer Morgenfeier begann, die von den Lehrkräften zusammen mit den Schüler*innen im sog. Rittersaal gestaltet wurde. Diese Montagsstunden förderten das Gefühl, eine Gemeinschaft zu sein, wie die Lehrerin Irmgard Löding, geb. Stapp betonte.   

Der Schüler Norbert K. gibt uns einen Eindruck von diesem Ritual in seinem Schultagebucheintrag vom 9. Februar 1948. 6)

Entsprechend zur Montags- und Morgenfeier gab es auch Wochenschlussfeiern und immer wieder anlassbezogene Feste.

Schüler*innen sitzen auf dem Freisitz im Kreis und reflektieren die Erlebnisse der Woche

Der Schulraum

Die Schüler*innen haben nach den Vorstellungen Petersens großen Einfluss an der Mitgestaltung des Schulraumes, der sogenannten, Schulwohnstube´. „So umfasst die Ausstattung des Klassenraumes Tische und Stühle, die, leicht beweglich, im Raum auch von den Schülern selbst, je nachdem, wie es die ,pädagogische Situation´ erfordert, geordnet und auch nach draußen getragen werden können.“7)

Um diese räumliche Ausstattung auch in Neuhaus realisieren zu können, nahm Heimleiter Willy Trott Kontakt mit der Schulmöbel- firma CASALA auf, die zunächst einen Schulraum mit Tischen und Stühlen ausstattete. Die Überlassung der Möbel erfolgte kosten-los als Demonstrationsmobiliar. Dafür musste Trott einen Bericht über die Erfahrungen mit den kleinen und flexiblen Tischen schreiben und Interessenten die Schulmöbel im laufenden Unterrichtsbetrieb zeigen.

Während zu dieser Zeit in den meisten Volksschulen der benachbarten Dörfer die Schüler*innen noch in beengten Schulbänken dem Frontalunterricht folgen mussten, saßen und arbeiteten die Neuhäuser Heimkinder schon an Gruppentischen, diskutierten im Gesprächskreis oder referierten ein gewähltes Thema in der Runde ihrer Mitschüler*innen.

Flexibler Unterricht

Die Flexibilisierung des Unterrichtes ermöglichte auch den Projektunterricht, der an einem Beispiel kurz erläutert werden soll. Die Schüler*innen  wurden zunächst theoretisch an geografische Grundbegriffe und den Umgang mit Karten und Globus herangeführt. Im nächsten Schritt planten sie das anspruchsvolle Projekt „Schichtenmodell“ (Darstellung der Höhenunterschiede mit Sperrholzteilen) und setzten es praktisch  am Beispiel der Gemeinde Neuhaus um.

Für ein anderes Projekt: „Doktor Faust“ wurde während des Textilen Gestaltens Kleider für eigens gebastelte Kasperpuppen genäht. Für die Lehrkräfte brachte diese Unterrichtsform viel Arbeit, weil sie möglichst vielfältiges Material bereitstellen mussten; außerdem aber täglich die Ausarbeitungen durchzusehen hatten. Aber die Ergebnisse waren zumeist so positiv, dass diese Form des Unterrichts den Schwerpunkt des Schulalltags bildete.

Lernen braucht Bewegung

Der Klassenraum bietet auch genügend Bewegungsfreiheit, damit die Schüler*innen je nach Unterrichtseinheit in den Gruppenarbeitsphasen ihre Plätze problemlos wechseln können.

„Jedes Kind geht vollkommen frei ein und aus und verantwortet seine Freiheit vor der Gruppe. Bewegung ist die Nahrung des wachsenden kindlichen Körpers; ihre Unterbindung Verbrechen an seiner Gesundheit“ 8), wird ein Kollege Petersens zitiert.

Wie verantwortungsbewusst die Heimschüler*innen trotz der Freiheiten miteinander umgingen, bestätigt ihr Heimleiter Willy Trott (1953) : „Ich selbst unterrichte ja und kann meine 40 Kinder vom 5. -8. Schuljahr, wenn es sein muss, 3 Stunden ohne Aufsicht sich selbst überlassen. Vorausgesetzt, dass sie wissen, was sie zu tun haben und dass sie keine besonderen Schwierigkeiten im Arbeitsweg haben, arbeiten sie diese 3 Stunden in Ruhe und Ordnung. Sehr wesentlich ist die eigene Haltung der tonangebenden Kinder.“ 9)

Übungen in der Turnhalle

Aber auch in den Pausen und im außerschulischen Unterricht sind die Bewegung und der Aufenthalt an der frischen Luft unverzichtbar. Hierzu laden die Burg Neuhaus, der große Burghof mit der ausladenden schattenspendenden Eiche, der Burgpark und die vielen Teiche reichlich ein.

Des Weiteren steht die Turnhalle bei jedem Wetter für gymnastische und mannschaftssportliche Übungen zur Verfügung: ideale Bedingungen für „bewegten Unterricht“ und Gemeinschaftsleben.

Nach dem Unterricht und dem Mittagsessen werden die Hausaufgaben in den Gruppenräumen angefertigt. Die Erzieher*innen unterstützen bei Bedarf.

Überregional hat das Erziehungskonzept auf Burg Neuhaus auch das Interesse der „Hochschule für Internationale Forschung“ in Frankfurt geweckt. Herr Trott schildert 1953 einen ausgefüllten Heimalltag.

Fazit

In der Burg Neuhaus, wo 10 Jahre vor der Gründung der Heimschule noch in der nationalsozialistischen „Reichsschule des Reichsnährstandes für Leibeserziehungen“ junge Menschen gedrillt und ideologisch manipuliert wurden, schufen Willy Trott  und gleichgesinnte Erzieher*innen für die durch den Krieg entwurzelten Waisenkinder und später für Kinder aus benachteiligten Elternhäusern eine verlässliche neue Heimat.

Der frische Wind, der überkommene Erziehungsstrukturen weg-blies, schuf Platz für ein soziales Umfeld, in dem die Heimkinder eine eigene Identität und Selbstständigkeit entwickeln konnten.

Die Schaffung von Familiengruppen nach dem Vorbild der SOS-Kinderdörfer, der Jena-Plan als optimales Erziehungskonzept und das unermüdliche Engagement der Erzieher*innen und Mitarbeiter*innen auf Burg Neuhaus waren Garanten für den über-regionalen guten Ruf dieser Heimschule.

Willy Trott resümierte 1953:

„Von Besuchern wird der Frohsinn und die Offenheit und das vertrauende Entgegenkommen unserer Kinder als sofort auffallend festgestellt.“ 10)

Dem ist nichts hinzuzufügen!


Literaturhinweise:

1) Petersen, Peter: Der Kleine Jena-Plan, Berlin/Leipzig, 1946, S.8

2) ebd. S.9

3) Petersen, Peter: Pädagogik der Gegenwart. Ein Handbuch der neuen Erziehungswissen-

    schaften und Pädagogik, Berlin 1937, S. 14

4) ebd. S. 37

5) ebd. S. 37

6) Löding, Irmgard: Burg Neuhaus, 1945 – 1963, Berlin 1991, Broschüre, S. 46

7) Petersen, Peter: Pädagogik der Gegenwart …, S. 33

8) vergl. Scheders, Franz: Die Grundlagen der körperlichen Erziehung, o.O.1935

9) Trott, Willy: Brief an Herbert Chiout, Hochschule für Internationale Forschung, Frankfurt/Main

10) ebd.